"Ich lege jedem ans Herz, einfach loszulegen": Die Gründerin Katharina Mayer im Interview

Katharina Mayer ist mit ihrem sozialen Start-up "Kuchentratsch" ein relevantes gesellschaftliches Problem in unserem Land angegangen. Sie bietet Menschen im Rentenalter eine sinnvolle Beschäftigung, bei der sie unter Gleichgesinnten sind und sich etwas zur Rente dazu verdienen können. In unserer Interviewreihe „Nie wieder Selbstständigkeit?!" verrät sie, wie sie auf die Idee „Omas backen Kuchen“ gekommen ist und zeigt, dass sich gesellschaftliche Verantwortung und unternehmerisches Handeln keinesfalls ausschließen müssen.

Finanzchef24: Frau Mayer, wie sind Sie auf die Geschäftsidee „Omas backen Kuchen“ gekommen?

Katharina Mayer: Wenn ich früher bei meiner Oma zu Besuch war, gab es immer unglaublich leckeren, selbstgemachten Kuchen. Irgendwann stellte ich mir zwangsläufig die Frage: Wo bekomme ich eigentlich noch so guten Kuchen, wenn meine Oma mal nicht mehr backen kann? Gleichzeitig habe ich auch bei ihr gesehen, wie schwierig es im Alter wird, neue Kontakte zu knüpfen. Und als ich in meinem Studium angefangen habe, mich intensiv mit sozialen und gesellschaftlichen Themen auseinander zu setzen, habe ich mich gefragt, wie man sie lösen kann. Aus dieser Kombination heraus entstand letztlich die Idee zu Kuchentratsch.

Finanzchef24: Woher wussten Sie, dass dieses Konzept angenommen wird?

Katharina Mayer: Ehrlich gesagt, hatte ich überhaupt keine Ahnung (lacht). Was ich aber wusste, ist, dass der beste Kuchen auf der ganzen Welt nun mal von Oma gebacken wird. Und mit dieser Überzeugung habe ich mich ans Konzept gemacht.

Finanzchef24: Seit vier Jahren sind Sie bereits mit Kuchentratsch selbstständig. Wenn Sie zurückdenken an die Anfangszeit, was war die größte Herausforderung bei der Gründung?

Katharina Mayer: Am schwierigsten war es, einfach loszulegen und von der Ideenphase zum ersten richtigen Action-Step zu kommen. Eine Herausforderung war es allerdings auch, weil Freunde und Familie dem Vorhaben anfangs nicht sehr optimistisch gegenüberstanden. „Du hast doch BWL studiert und jetzt willst du etwas mit Omas und Kuchen machen?“ Diesen Satz hab ich hunderte Male gehört. Doch der Punkt ist, wenn man etwas komplett Neues startet, weiß man sowieso nie, was dabei herauskommt. Darum ist so wichtig, an sich selbst und seine Idee zu glauben, und sich nicht von Zweiflern aus der Bahn werfen zu lassen.

Finanzchef24: Was hat Ihnen geholfen, diese Herausforderungen zu meistern?

Katharina Mayer: Gerade in schwierigen Momenten ist ein Geschäftspartner an deiner Seite von unschätzbarem Wert. Es ist jedoch nicht immer ganz einfach, den passenden Menschen dafür zu finden. Super ist es, wenn man schon mal ein bis zwei Jahre zusammengearbeitet hat und es bereits eine freundschaftliche Basis gibt, wo man weiß, dass man sich auf den anderen 100-prozentig verlassen kann, insbesondere in schwierigen Zeiten. Freundschaft erleichtert vieles im Alltag und Hürden sind zu zweit oft leichter zu stemmen als alleine.

Finanzchef24: Was würden Sie sagen, ist Naivität beim Gründen hilfreich oder gefährlich?

Katharina Mayer: Ich finde, Naivität ist bei einer Gründung tatsächlich hilfreich. Wenn man schon vorher weiß, was alles auf einen zukommt, würde man wahrscheinlich einen Rückzieher machen. Darum ist es schon ganz gut, sich des gesamten Risikos nicht vollends bewusst zu sein. Ich bin mit den Herausforderungen mitgewachsen und auch heute noch gibt es eine große Lernkurve für mich.

Finanzchef24: Sollte man Ihrer Meinung nach starten, ohne vorher einen ganz konkreten Plan entwickelt zu haben?

Katharina Mayer: Ich lege jedem ans Herz, einfach loszulegen. Natürlich habe ich mir im Vorfeld genug Zeit genommen, um das Geschäftsmodell hinter Kuchentratsch auszuarbeiten und grobe Meilensteine zu definieren. Dafür hab ich das Business Model Canvas genutzt. Als Kuchentratsch dann in die Startphase gekommen ist, war es für uns ein großes Glück, dass wir das Stipendium von SOCIAL IMPACT START bekommen haben. Dank dieser Unterstützung hatten wir einen festen Arbeitsplatz in einem Coworking Space und einen Coach als Ansprechpartner. Das hat uns sehr geholfen, es richtig anzugehen.

Finanzchef24: Was würden Sie jemanden empfehlen, der selbst gründen möchte?

Katharina Mayer: Wenn du ein eigenes Unternehmen aufbauen möchtest und keinen Goldesel im Garten stehen hast, solltest du dich darauf einstellen, dass du lange Zeit mit nur wenigen finanziellen Mitteln über die Runden kommen musst. Ich empfehle wirklich, mit diesem Thema ganz ehrlich umzugehen. Eine hilfsbereite Familie und verständnisvolle Freunde sind dann das Beste, was einem passieren kann. Wer also eine eigene Firma gründen möchte, sollte viel Durchhaltevermögen mitbringen und für die eigene Idee brennen. Es lohnt sich auf jeden Fall!

Ich lege außerdem jedem nahe, Projekte klar zu priorisieren und pragmatisch an alles heranzugehen. Heißt beispielsweise, tolle Ideen auch mal auf die Warteliste zu setzen, egal wie euphorisch man gerade ist. Denn Zeit ist grundsätzlich knapp und gutes Zeitmanagement unumgänglich. Es ist außerdem ratsam, sich Zeit für Freunde und Familie in der Woche fest zu blocken. Das Gleiche gilt für Hobbys. Für mich ist Sport super wichtig. Hier kriege ich den Kopf frei und komme mal raus aus dem turbulenten Gründeralltag. Darum habe ich dafür fixe Termine, von denen mich nichts abbringt.

Finanzchef24: Was ist für Sie das Beste am Gründerdasein?

Katharina Mayer: Dass ich jeden Tag die Möglichkeit habe, mich weiterzuentwickeln und über mich selbst hinauszuwachsen. Man lernt in kürzester Zeit so viel Neues und bereichert damit sich selbst und sein Umfeld. Zudem lernt man wahnsinnig viele spannende und inspirierende Menschen kennen und kommt mit Produkten und Themen in Berührung, auf die man in einem normalen Angestelltenverhältnis und bei größeren Firmen nicht treffen würde. Für mich persönlich ist aber das Beste an Kuchentratsch, dass ich meinen wirtschaftlichen Kopf mit meinem sozialen Herz verbinden kann.

Finanzchef24: Stichwort sozial: Was unterscheidet ein soziales Start-up von einer klassischen Gründung?

Katharina Mayer: Klar, auch ein soziales Start-up braucht ein solides Businessmodell, denn bekanntlich ist ohne Moos nichts los. Aber zum Beispiel gibt es Gründerwettbewerbe oder Gründerpreise, die rein für soziale Unternehmen ausgeschrieben werden und an denen man mit klassischen Businessmodellen gar nicht teilnehmen kann. Es ist vor allem der Faktor Mensch, der bei sozialen Start-ups ganz anders gewertet wird. Die menschliche Komponente ist hier sehr viel größer, was wiederum eine echte Challenge bei der Zusammenarbeit sein kann. Bei klassischen Start-ups gibt es in dieser Hinsicht oft weniger Konflikte. Doch obwohl man als soziales Unternehmen von Financiers und anderen Gründern häufig belächelt wird, sind dann doch alle irgendwie sehr angetan von der sozialen Komponente.

Finanzchef24: Die Finanzierung einer eigenen Backstube haben Sie über eine Crowdfunding-Kampagne realisiert. Warum haben Sie sich für diese Finanzierungsmöglichkeit entschieden? Haben Sie ein paar Tipps, was man unbedingt beachten sollte, bevor man ein Crowdfunding-Projekt startet?

Katharina Mayer: Jeder, der sich für eine Crowdfunding-Kampagne entscheidet, sollte sich bewusst sein, dass das nichts ist, was einfach nebenbei läuft. So eine Kampagne benötigt sehr viel Zeit und Aufwand. Das Aushängeschild dabei ist das Video. Darum rate ich, das Hauptaugenmerk auf jeden Fall darauf zu legen.

Finanzchef24: Der Bäckerberuf ist ein eingetragener Handwerksberuf. Und auch bei dem Betrieb einer gewerblichen Küche gibt es sehr viele Regularien, die beachtet werden müssen. Wie haben Sie das bei der Eröffnung der Backstube geregelt? Haben Sie einen Bäckermeister angestellt?

Katharina Mayer: Es war tatsächlich gar nicht so einfach, dieses Problem zu lösen. Denn auch wir brauchten als Betreiber einer Backstube eine Eintragung in die Handwerksrolle. Letztendlich haben wir aber von der Handwerkskammer eine Ausnahmebewilligung erhalten und mussten eine Prüfung vor Bäckermeistern ablegen. Nachdem wir den theoretischen und praktischen Teil der Prüfung bestanden hatten, durften wir endlich ganz offiziell Kuchen und Torten backen.

Finanzchef24: In Ihrer Backstube kommen an den Backtagen viele Menschen zusammen, die Lebensmittel verarbeiten und Küchengeräte bedienen. Wo sehen Sie die größten Risiken im Betrieb und wie sichern Sie sich dagegen ab?

Katharina Mayer: Wir haben von Anfang an eng mit der Stadt München zusammen gearbeitet und uns vor dem Umbau der Backstube mit der Lebensmittel- und Gewerbeaufsicht des Kommunalreferates abgestimmt. Wir wollten absolut sicher sein, dass wir alle Hygiene- und Sicherheitsstandards erfüllen und es keine bösen Überraschungen gibt. Jeder von uns hat außerdem eine Hygieneschulung erhalten. Dank unserer Kooperation mit BSH Haushaltsgeräte arbeiten wir auch mit den modernsten Geräten, die hohen Sicherheitsstandards entsprechen.

Finanzchef24: Kuchentratsch ist aktuell eine UG. Vor Kurzem haben Sie aber auch einen Verein gegründet. Was steckt dahinter? Warum möchten Sie beide Unternehmensformen kombinieren?

Katharina Mayer: Richtig! Unser Verein heißt Seniorentratsch e.V. und wir suchen Mitstreiter, die Lust haben, sich zu engagieren. Wir wollen hier Jung und Alt zusammenbringen und die Frage aktiv mitgestalten, wie wir eigentlich alt werden wollen. Wenn Kuchentratsch am Ende des Jahres Gewinne macht, geht ein Prozentsatz davon in die Arbeit des Vereins. Das soll ein rundes Konzept werden und beide Unternehmensformen kombinieren, um bestmögliche soziale und wirtschaftliche Synergieeffekte zu erzielen.

Finanzchef24: Noch eine kurze Frage zu einem weiteren gesellschaftlichen Thema. Was glauben Sie, ist der Grund, warum immer noch so wenige Frauen gründen?

Katharina Mayer: Auf den meisten Start-up Veranstaltungen liegt der Frauenanteil bei zehn Prozent. Gründen ist nach wie vor Männersache und ganz schön traurig. Nur weil man kein Mann ist, ist man ja nicht weniger intelligent. Mir passiert es oft, dass ich beim ersten Kennenlernen nicht ernst genommen werde und die Erwartungen an mich im Vergleich zu Männern ziemlich niedrig sind. Viele sind sogar erstaunt, dass ich einen Finanzplan schreiben kann. Das ist sehr deprimierend und schade, weil auch in Frauen super viel Potenzial und Kreativität steckt. Aber dadurch ist es gleichzeitig für mich ein Ansporn, das männliche Stigma aufzubrechen und zu zeigen, dass es auch anders geht.

Ich denke, der Grund, warum Frauen seltener gründen, hängt noch mit den Generationen vor uns zusammen sowie mit der Art und Weise, wie die Rolle der Frau in der Gesellschaft immer noch gesehen wird. Erst in den letzten Jahren haben sich für Frauen stetig Möglichkeiten aufgetan, aus klassischen Rollenbildern auszubrechen. Die Art der Familienplanung hat sich verändert und auch das Alter, in dem man Kinder bekommt, hat sich verschoben. Zudem wächst die Anzahl der Krippen und Kindergärten. Auch die gleichberechtigte Aufteilung zwischen Mann und Frau bei Haushalt und Kindererziehung hat dazu beigetragen. Trotzdem werden junge Mädchen leider immer noch nach typischen Klischees erzogen. Ihnen wird beigebracht, schön brav und bescheiden zu sein und bloß nicht zu widersprechen. So trauen sie sich natürlich später nicht viel zu. Es müsste demnach schon in ganz jungen Kinderjahren der Grundstein dafür gelegt werden, dass Frauen Spaß daran haben, Dinge auszuprobieren sowie das Selbstvertrauen besitzen, Herausforderungen offen gegenüberzutreten.

Finanzchef24: Mit all dem Wissen, das Sie jetzt haben und all den Hürden, die Sie als Unternehmerin schon meistern mussten, würden Sie wieder gründen?

Katharina Mayer: Ich bin nach wie vor sehr motiviert, unsere Gesellschaft positiv zu gestalten, denn der Mensch ist in meinen Augen der Dreh- und Angelpunkt in unserer Welt. Aber ich möchte auf keinen Fall beschönigen, wie anstrengend das Gründen und Führen eines Unternehmens tatsächlich ist. Mit alledem, was ich jetzt darüber weiß, würde ich es nicht ausschließen, es mir aber wirklich sehr, sehr gut überlegen, ob ich diesen Schritt nochmal gehen würde. So viel man auch daraus gewinnt, man verzichtet auch auf sehr viel.

Finanzchef24: Vielen Dank für das ausführliche Gespräch, Frau Mayer, und maximalen Erfolg mit Ihrem Social Business!

Möchten auch Sie uns Ihre Gründungsgeschichte erzählen? Dann melden Sie sich einfach bei uns unter: marketing@financhef24.de. Wir freuen uns auf Ihre Nachricht!

Logo Kuchentratsch

Kurzprofil: Kuchentrasch UG

„Mit Liebe von Oma gebacken“ - das ist die Geschäftsidee von Kuchentratsch. In der Münchner Backstube engagieren sich aktuell 35 fleißige RenterInnen und backen leckere, selbstgemachte Kuchen nach altem Rezept. Ob Firmenveranstaltung, Hochzeit oder Geburtstag, für jeden Anlass findet man hier den passenden Kuchen. Ein ausgewähltes Sortiment kann auch online bestellt und deutschlandweit per Post geliefert werden. Darüber hinaus bietet Kuchentratsch verschiedene Backkurse und Seminare an.

Gründer-Steckbrief

Name: Katharina Mayer

Gründungsalter: 24 Jahre

Selbsttändig als: Social Entrepreneurin

Standort: München

Rechtsform: UG