Billboard zur Interviewreihe: Nie wieder Selbstständigkeit?

"Und dann steht man plötzlich vor dem Nichts": Die Gründer von Fleischerlei im Interview

Den Anfang unserer "Interviewreihe: Nie wieder Selbstständigkeit?!" machen die Gründer Florian und Michael Teichmann von Fleischerlei. Die beiden Brüder – der eine Student, der andere Angestellter – teilen eine gemeinsame Leidenschaft: gutes Essen. Ein Missstand brachte sie dazu, sich mit einem Food-Truck nebenberuflich selbstständig zu machen. Mit Erfolg! Doch dann hat ein Unfall ihr Unternehmen wieder ganz an den Anfang katapultiert. 

Zwei Pulled Pork-Burger aus dem Angebot der "Fleischerlei"

Finanzchef24: Herr Michael Teichmann, Sie und Ihr Bruder Florian haben sich mit einem eigenen Food Truck nebenberuflich selbstständig gemacht. Aus welcher Motivation heraus haben Sie diesen Schritt gewagt?

Michael Teichmann: Triefende Pommes, fade Bratwürste, trockene Steaks – das Angebot an mittelmäßigem Essen auf öffentlichen Festen und Veranstaltungen ist erschreckend hoch. Und trotzdem stehen die Leute Schlange, denn es fehlen die Alternativen. Als Hobbyköche haben wir hier eine Marktnische entdeckt: Gutes Essen, das man so „auf der Straße“ nicht erwartet. Mit unserem Angebot wollen wir den Spagat zwischen klassischer Imbisskost und gehobener Gastronomie schaffen. Unser Ziel ist es, die Imbisskultur in unserer Region Sachsen-Anhalt nachhaltig zu verbessern.

Finanzchef24: Wie lange hat es von der Idee bis zur Betriebsanmeldung gedauert und was mussten Sie vor dem Start in die Selbstständigkeit beachten?

Florian Teichmann: Vom ersten Gedanken bis zur Gewerbeanmeldung dauerte es ein Dreivierteljahr. Die Zeit brauchten wir, um das Geschäftsmodell auf die Beine zu stellen und den aktuellen Markt zu untersuchen. Welches Angebot gibt es schon? Wie groß ist die Nachfrage? Die Erkenntnisse haben wir dann mit unseren eigenen Vorstellungen abgeglichen, um ein Konzept zu entwickeln, dass dem Markt noch fehlt. Außerdem mussten wir eine für uns geeignete Rechtsform finden und notwendige Unterlagen einholen, beispielsweise eine Gaststättenerlaubnis für die Gewerbeanmeldung. Um unseren Betrieb richtig abzusichern, mussten wir uns auch mit der Frage beschäftigen, welche Gewerbeversicherungen nötig sind. Und schließlich ging es an den Aufbau des eigentlichen Geschäfts, sprich, ein Food-Mobil kaufen, die passende Ausstattung auswählen, Lieferanten finden, die Marke entwickeln und aufbauen, interne Abläufe definieren und ansprechende Rezepte kreieren. Wir waren uns hier ausnahmweise mal sehr schnell einig (lacht).

Finanzchef24: Wie haben Sie sich am Anfang der Gründung finanziert und ab welchem Zeitpunkt mit Ihrem Unternehmen erste Gewinne erzielt? 

Michael Teichmann: Wir haben die Finanzierung zu Beginn vollständig über Eigenmittel realisiert. Mit unseren Einnahmen konnten wir sehr schnell die laufenden Kosten decken und schon im ersten Geschäftsjahr Gewinne erzielen.

Finanzchef24: Bei einem Verkehrsunfall wurde Ihr Food Truck komplett zerstört. Was bedeutete das für Ihr Geschäft und wie ging es danach weiter? 

Michael Teichmann: Auch wenn schnell geklärt war, dass wir keine Schuld am Unfall hatten, ist die Schadensabwicklung sehr komplex und langwierig. Zum einen sind wir selbst beim Unfall verletzt sowie unser Privatfahrzeug beschädigt worden. Zum anderen wurde unser "Geschäft", das Food-Mobil, komplett zerstört. Von heute auf morgen standen wir vor dem Nichts. Wir mussten alle gebuchten Events absagen und müssen immernoch alle neuen Anfragen vertrösten. Denn für unser Food-Mobil haben wir bis dato keinen Schadensersatz erhalten. Sowohl der daraus resultierende Imageschaden als auch der entgangene Gewinn sind immens für unser junges Unternehmen. Zumal wir gleich am Anfang viel Geld in den Markenaufbau investiert haben. Wir haben uns einen Rechtsanwalt genommen, der unsere Ansprüche geltend macht. Aber die Regulierung zieht sich bis heute hin. Gut, dass wir uns mit dem Food Truck erstmal "nur" nebenberuflich selbstständig gemacht haben, sonst hätten wir ein noch viel größeres Problem.

Finanzchef24: Wie haben Sie als selbstständiger Food Truck-Betreiber anfangs Ihre Risiken eingeschätzt?

Florian Teichmann: Die Absicherung der betrieblichen Risiken war für uns von Anfang an wichtig. Wir wussten von selbstständigen Bekannten, dass wir eine Betriebshaftpflicht inklusive Produkthaftpflicht benötigen, falls einer unserer Kunden einen Schaden erleidet. Für unser Food-Mobil haben wir ebenfalls eine Haftpflicht abgeschlossen. Dass aber bei einem Verkehrsunfall der Hänger komplett zerstört wird und wir aufgrund dessen nicht arbeiten und Geld verdienen können, daran haben wir nicht gedacht. Aber hinterher ist man immer schlauer. 

Finanzchef24: Was nehmen Sie aus dem Vorfall für die Zukunft mit?

Michael Teichmann: Vor allem eines: Auf dem Papier lässt sich alles planen, in der Realität gestalten sich die Dinge dann aber doch ganz anders. Man kann einfach nicht alles zu 100 Prozent voraussehen. Daher ist es wichtig, maximal flexibel zu bleiben, um sich schnell an neue Rahmenbedingungen anpassen zu können.

Finanzchef24:  Hat sich das Thema Selbstständigkeit nach dem unfallbedingten Rückschlag für Sie erledigt? 

Florian Teichmann: Nein. Der Zuspruch, den wir nach dem Unfall erhielten – von unseren Kunden, Geschäftspartnern und auch Mitbewerbern – war enorm. Das ermutigt und es bestätigt uns in unserer Geschäftsidee. Wir wissen jetzt, wie es geht und worauf es ankommt. Vorteile, die uns beim Neustart helfen werden.

Finanzchef24: Zu guter Letzt: Was würden Sie anderen Menschen, die sich selbstständig machen möchten, raten?

Florian Teichmann: Nur Mut! Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man eine gute Idee hat und diese nicht umsetzt. Jeder, der den Schritt geht, verdient Respekt. 

Finanzchef24: Vielen Dank für das interessante Gespräch und viel Erfolg bei Ihrem Neustart!

Interview: Anja Hellmund, 2. November 2017

Logo des Unternehmens "Fleischerlei" der Gebrüder Teichmann

Kurzprofil "Fleischerlei"

Die Brüder Teichmann bieten mit Fleischerlei ausgefallenes Street Food überall dort an, wo die Nachfrage danach hoch ist: auf Wochenmärkten, Festivals, privaten Feiern und Firmenevents. Dabei wird größter Wert auf Frische, regionale Produkte sowie viel Liebe und Geduld in der Zubereitung gelegt – getreu dem Motto: "Wir verkaufen mehr als nur Food. Mit unseren Produkten verkaufen wir ein Lebensgefühl."

Florian und Michael Teichmann in ihrem Food-Truck-Mobil

Gründer-Steckbrief

Name: Florian und Michael Teichmann

Gründungsalter: 27 und 30 Jahre

Standort: Mobil, Firmensitz Langeneichstädt

Rechtsform: GbR

Facebook: Fleischerlei